Wo der Wind zur Zukunft wird: H2-Ostfriesland und der Anfang einer Wasserstoff-Reise
- Gastautor:in

- vor 7 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

Wer schon einmal an der Nordseeküste gestanden hat, kennt das Gefühl.
Der Wind ist einfach da: mal sanft, mal kräftig. Mal willkommen, mal etwas nervig. Seit Jahrhunderten prägt er das Leben in Ostfriesland. Heute kann genau dieser Wind dabei helfen, die Energieversorgung von morgen mitzugestalten.
Denn während wir Windräder oft nur als Stromlieferanten wahrnehmen, steckt in ihnen noch viel mehr Potenzial. Und genau das ist die Geschichte von H2- Ostfriesland.
Oder anders gesagt: Hier beginnt die Reise des Wasserstoffs.
Ostfriesland: Energie ist hier zu Hause
Ostfriesland gilt seit vielen Jahren als eine der wichtigsten Regionen für erneuerbare Energien in Deutschland.
Windenergieanlagen, umgangssprachlich Windräder genannt, gehören hier längst zum Landschaftsbild. Was für Besucherinnen und Besucher manchmal ungewöhnlich aussieht, ist für viele Menschen vor Ort Teil des Alltags. Zwischen Deichen, Küste und weiten Landschaften wird bereits heute ein bedeutender Teil der erneuerbaren Energie erzeugt, die Deutschland für seine Energiewende benötigt. So produziert die Region Ostfriesland schon heute mehr Strom aus Erneuerbaren Energien (EE) als vor Ort verbraucht wird.
Doch obwohl - oder gerade weil - der Wind in Ostfriesland deutlich stärker und häufiger weht als im bundesweiten Durchschnitt, stehen Windräder regelmäßig still. Die Stromnetze können diese enormen Mengen an Energie schlichtweg nicht aufnehmen. Was in Ostfriesland fehlt, ist also kein Wind. Was fehlt, ist ein Weg, die Energie aus dem Wind zu speichern und dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird.
Eine Lösung könnte Wasserstoff sein. Die WOCHE DES WASSERSTOFFS 2026 ist deshalb ein guter Anlass, den Blick auf Ostfriesland zu richten.

Vom Wind zum Wasserstoff
Keine Sorge liebe Leser und Leserinnen, es wird jetzt nicht kompliziert oder mega-technisch. Wir probieren es ganz vereinfacht: Bei der Elektrolyse wird Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten.
Damit wird aus Windenergie etwas, das transportiert, über einen längeren Zeitraum gespeichert und später genutzt werden kann.
Für die Industrie, für die Mobilität und für die Energieversorgung.
Aus Wind wird damit also ein Energieträger.
Weil das enorm wichtig ist, u.a. für die Energie- und Klimawende, steht Ostfriesland als Energiewenderegion beispielhaft für eine klimaneutrale Zukunft.

Mehr als nur Windräder
Wer Wasserstoff sagt, denkt heute oft zuerst an Technik. An Anlagen, Leitungen oder große Industrieprojekte. In Ostfriesland geht es um etwas Größeres.
Es geht um die Frage, wie Regionen ihre natürlichen Stärken nutzen können.
Der Wind ist bereits da. Die Erfahrung mit erneuerbaren Energien ebenfalls. Hinzu kommen die Unternehmen, Kommunen, Forschungseinrichtungen und Netzwerke, die gemeinsam daran arbeiten, neue Möglichkeiten zu schaffen.
H2-Ostfriesland bringt genau diese Akteurinnen und Akteure zusammen. Denn Energiesysteme sind niemals in sich geschlossen, sie stehen immer in Wechselwirkung mit überregionalen Systemen und wiederum deren Akteurinnen und Akteuren. In Ostfriesland ist man deshalb davon überzeugt, dass die Energiewende nur gemeinsam gelingen kann.
Und wie sieht das konkret aus?
Natürlich endet die Geschichte nicht an der Küste. Was in Ostfriesland entsteht, soll auch dort genutzt werden. Nur so kann die Region wirtschaftlich von der Energiewende profitieren.
Einen großen ersten Aufschlag hat die EWE AG mit ihrem 320MW-Elektrolyse-Projekt in Emden gemacht. Ab Ende 2027 soll hier grüner Wasserstoff produziert werden. Ein Meilenstein für die ostfriesische Wasserstoffwirtschaft.
Und wohin dann mit dem produzierten Wasserstoff? In den unterirdischen Speichern in Friedeburg, Jemgum und Krummhörn kann er zunächst einmal gespeichert werden. Dass das tatsächlich möglich und keine Science Fiction ist, zeigen erfolgreich abgeschlossene Projekte, etwa H2Cast (Storag Etzel GmbH) oder Hydrogen Pilot Cavern Krummhörn (Uniper SE).
Große Leitungsprojekte hiesiger und überregionaler Energieversorger bringen den Wasserstoff dafür von A nach B. Beispielsweise wird der von Open Grid Europe GmbH (OGE) geplante Nordsee-Ruhr-Link (NRL) in großen Teilen durch Ostfriesland verlaufen und ist ein Bestandteil des überregionalen H2ercules-Projektes.
Regionale Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoff ergeben sich vor allem zunächst in der Mobilität: im öffentlichen Personennahverkehr und für schwere Nutzfahrzeuge. Die Emder Score GmbH nimmt 2026 die drei ersten H2-Tankstellen in der Region in Betrieb: In Emden, Nortmoor und Schortens können künftig nicht nur Benzin und Diesel, sondern auch Wasserstoff getankt werden.
So wird nicht nur ein überregionales Leitungsnetz zum Transport von Wasserstoff geschaffen, sondern gemeinsam mit weiteren Partnern auch eine durchgängige Tankstelleninfrastruktur durch den gesamten Nordwesten von Lingen bis Cuxhaven aufgebaut.
Wissenschaftlich begleitet wird die Energiewende in der Region von der Hochschule Emden-Leer. Die Hochschule bietet unter anderem mit ihrem HyLab eine Laborinfrastruktur im Bereich Polymerelektrolyt-Brennstoffzellen und -Elektrolyse. Hier wird zum Beispiel daran geforscht, wie begrenzt verfügbare Materialien (zum Beispiel Platin) verringert oder substituiert werden können.
Man sieht deutlich:
Erst zusammen entsteht ein System. Und genau deshalb ist die Zusammenarbeit der drei Regionen so wichtig.

„Die Energiewende hat eine Adresse: Ostfriesland".“
Die Voraussetzungen stimmen: Erneuerbare Energien im Überfluss, Infrastruktur mit Leitungen, Speichern und Hafenanbindung sowie die richtigen Partner. Unsere Aufgabe ist es nun, die Puzzleteile zusammenzubringen und Ostfriesland als leistungsstarken Wasserstoffstandort im Nordwesten zu etablieren.
Birte Ricklefs, Landkreis Aurich, Geschäftsstellenleiterin "H2-Ostfriesland"
Weiter geht’s – nur wie?
Die kurze Antwort lautet: Mit (hoffentlich viel) Rückenwind.
Viele Ideen befinden sich noch in der Entwicklung. Andere werden bereits konkret geplant oder umgesetzt. Manche Projekte stehen noch ganz am Anfang, andere zeigen schon heute, welches Potenzial in der Region steckt.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Schlagzeilen zu produzieren. Es geht darum, Schritt für Schritt eine Infrastruktur aufzubauen, die auch in zehn oder zwanzig Jahren noch trägt.
Ostfriesland bringt dafür etwas mit, das sich nicht planen oder bauen lässt: Eine natürliche Stärke, die seit Jahrhunderten vorhanden ist – den Wind.
Und vielleicht wird genau daraus einer der wichtigsten Bausteine der Energieversorgung von morgen.
Drei Regionen. Eine gemeinsame Idee.
Mit diesem Beitrag endet unsere kleine Reise durch den Nordwesten.
Die Metropolregion Nordwest zeigt, wie Vernetzung gelingt.
Das Emsland zeigt, wie Wasserstoff praktisch umgesetzt werden kann.
Und Ostfriesland zeigt, wo vieles seinen Anfang nimmt.
Gemeinsam erzählen die drei Regionen eine Geschichte, die gerade erst beginnt.
Eine Geschichte über Zusammenarbeit, Innovation und die Frage, wie wir Energie künftig denken wollen.
Die drei Blogbeiträge finden Sie hier:
Das Emsland und die Wasserstoff-Zukunft zum Anfassen: Hier wird aus Idee Realität
Wo der Wind zur Zukunft wird: H2-Ostfriesland und der Anfang einer Wasserstoff-Reise
Neugierig geworden?
Die #WOCHE DES WASSERSTOFFS zeigt auch dieses Jahr, wie vielfältig Wasserstoff gedacht und umgesetzt wird – inbesondere im Nordwesten Deutschlands. Eine der Veranstaltungen ist: WiRe goes Berlin! am 22. und 23. Juni in Berlin.
_____________________________________________________________________
Dieser Beitrag entstand mit der Unterstützung von Birte Ricklefs (H2-Region Ostfriesland). von Melanie Büld, Esther Gebert und Dr. Tim Husmann (alle H2-Region Emsland) sowie Nicola Illing und Dr. Janka Wagner (beide Metropolregion Nordwest).

Mehr Infos und Aktuelles gibt es auf den Websites der drei Regionen (im Text bereits verlinkt) und bei LinkedIn: Metropolregion Nordwest, H2-Region Emsland, Landkreis Aurich.






